Angefangen hat alles mit einem persönlichen Schicksalsschlag: Cesare Mattei, ein bolognesischer Adliger ohne jede medizinische Ausbildung, verlor seine Mutter an Krebs und begann danach besessen nach alternativen Heilmethoden zu suchen. Er kam zu der Überzeugung, dass Pflanzen eine Art "vegetabilische Elektrizität" enthalten, die man extrahieren und konservieren könne, um damit Krankheiten – angeblich sogar Krebs – zu heilen. Daraus entwickelte er seine eigene Pseudo-Medizin, die "Elettromeopatia" (Elektrohomöopathie), mit geheimen Flüssigpräparaten, die er schlicht "Elektrizitäten" nannte. Die genaue Zusammensetzung verriet er zeitlebens niemandem – nicht einmal seinen engsten Mitarbeitern.
Geschäftlich war das ein enormer Erfolg. Mattei baute ein regelrechtes Firmenimperium um seine Mittel auf, mit Vertriebsstellen in ganz Europa, und behandelte (oder behauptete zu behandeln) alles von einfachen Beschwerden bis zu Krebserkrankungen bei gekrönten Häuptern, Kardinälen und angeblich sogar dem Papst. Sein Ruf reichte bis nach Russland: Fjodor Dostojewski erwähnt Mattei und seine Wundermittel namentlich in den Brüdern Karamasow – ein kleiner, aber sehr konkreter Beleg dafür, wie bekannt dieser italienische Wunderheiler zu Lebzeiten tatsächlich war.
Mit dem Geld aus diesem Geschäft begann er ab 1850, auf den Resten einer mittelalterlichen Burgruine im Bologneser Apennin sein eigenes Schloss zu errichten – die Rocchetta. Er ließ sich dabei von nichts weniger als der Alhambra und der Mezquita von Córdoba inspirieren: Die Kapelle des Schlosses ist ein direkter Nachbau der andalusischen Moschee-Kathedrale, mit hufeisenförmigen Bögen und rot-weiß gestreiften Mustern, mitten im ländlichen Emilia-Romagna. Drumherum türmen sich neugotische Zinnen, maurische Innenhöfe und Jugendstil-Details in einem bewusst verwirrenden Grundriss – Treppen, die ins Nichts zu führen scheinen, und Gänge, die sich unerwartet kreuzen. Der Legende nach wollte Mattei damit verhindern, dass jemand seine Rezepturen ausspionieren konnte; Belege für tatsächliche Geheimgänge oder Verstecke gibt es aber nicht, nur die Atmosphäre, die genau diese Vermutung bis heute nährt.
Mattei zog 1859 endgültig in sein halbfertiges Schloss und lebte dort bis zu seinem Tod 1896 wie ein mittelalterlicher Landesfürst, umgeben von einem kleinen Hofstaat aus Mitarbeitern und Patienten. Mit seinem Tod endete auch der Glanz der Rocchetta abrupt: Erben und wechselnde Besitzer konnten dem Bau offenbar nicht dieselbe Bedeutung beimessen, und nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Gebäude zusehends zu verfallen. Jahrzehntelang stand es größtenteils leer, dem Verfall überlassen, zeitweise nur noch von Abenteurern und Neugierigen besucht, die sich heimlich durch die einsturzgefährdeten Räume wagten – bis es in den 1980er-Jahren schließlich aus Sicherheitsgründen komplett gesperrt wurde.
Die Rettung kam erst 2005, als die Fondazione Cassa di Risparmio di Bologna den gesamten Komplex kaufte und eine aufwendige, jahrelange Restaurierung anstieß. Erst 2015 – fast 120 Jahre nach Matteis Tod – öffnete die Rocchetta wieder für die Öffentlichkeit, und ist seitdem wieder zugänglich, ohne dabei ihre schräge, halb-mystische Aura verloren zu haben.














